Was mir Europa bedeutet…und warum ich es immer verteidigen werde

Gesellschaft, Politik

Europawahlen sind für mich immer ein hochemotionales Thema. Gerade wenn rechtsextreme Parteien sich in meinen beiden Heimatländern (Deutschland und Italien) ausbreiten und die EU in Frage stellen. Denn meine Theorie ist, dass jeder von uns von Europa profitiert, inklusive Rechtswähler, die sich abgehängt und im Stich gelassen fühlen.

Europa ist nicht selbstverständlich, die freien Grenzen ebenfalls nicht. Ich kann mich noch an die langen Autoschlangen am Brenner und an der Grenze zu Frankreich erinnern, um den Reisepass zu zeigen. Heute kann man von Palermo bis nach Helsinki nur mit dem Personalausweis reisen. Wir können innerhalb der EU leben, wo wir wollen. In meiner Kindheit war es was Besonderes, einen Ausländer zu kennen. Jetzt haben die meisten meiner Freunde einen Migrationshintergrund, viele haben Großeltern aus 3 und 4 verschiedenen Ländern. Meine Kinder haben einen deutschen, einen italienischen und 2 von ihnen auch einen tschechischen Pass. Sie finden reisen innerhalb Europas normal.

Bei denen Europaskeptikern ist immer von einer nationalen Identität die Rede und davon, dass die EU angeblich einen Einheitsbrei möchte und die Leute ihre Kultur verlieren sollten. Wo gibt es denn bitte? Ich habe vor 18 Jahren Italien verlassen, und seit 18 Jahren lebe ich in Berlin. Mir ist nicht aufgefallen, dass die Deutschen in diesen 18 Jahren „weniger deutsch“ geworden sind. Was macht ohnehin das Deutschsein aus? Die Sprache?  Bier, Schwarzbrot und thüringische Bratwürste? Die schwarz-rot-goldene Fahne bei der WM? Günther Jauch und Helene Fischer? Erstens: Wer hat ein Interesse daran, diese Sachen zu verbieten? Zweitens: Jeder Mensch, der in Deutschland lebt, kann sich für diese Sachen begeistern (gut, vielleicht nicht für Helene Fischer). Ist das wirklich eine Bedrohung, wenn Menschen mit türkischem, spanischem, italienischem Pass, die hier leben, auch Bayern München und das Oktoberfest toll finden? Und was die Werte angeht: Demokratie, Toleranz, Freiheit sind die Pfeiler der EU. Das gilt hier genauso wie in Madrid oder in Wilnius.

Hier in Berlin leben 100 von Nationalitäten friedlich nebeneinander. Es gibt in meinem Viertel italienische, arabische, polnische, französische und spanische Restaurants, nur als Beispiel. Ich habe die Wahl. Ich kann aber auch in einem deutschen Restaurant Schnitzel essen, wenn mir danach ist. Die Wirtschaft kennt ebenfalls keine Grenzen mehr. Deutsche Firmen machen Geschäfte in der EU. Die Gewinne sichern viele Arbeitsplätze. Es kommen viele EU-Arbeiter nach Deutschland. Sie zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Sie arbeiten in Pflegeheimen, Kindergärten, Ingenieurbüros und Arztpraxen. Sie gründen Startups und schaffen neue Jobs. Sie bringen auch das Land nach vorne. Ihre Kinder leben hier, besuchen deutsche Schulen und sprechen Deutsch. Wären sie nicht da, würde die Wirtschaft massiv leiden.

Es gibt sicherlich Probleme in der EU. In vielen Branchen sind die Löhne zu niedrig. Sie reichen nicht, um bei steigenden Mieten die Lebenshaltungskosten zu decken. EU-weit sind zu viele Menschen arbeitslos, weil die nationalen (!!) Regierungen es nicht hinbekommen, Unternehmen zu fördern. Bildung ist in vielen Ländern, zum Beispiel in meiner Heimat Italien, längst keine Garantie für eine Stelle, die angemessen bezahlt wird. Auf der anderen Seite streichen Konzerne Milliarden Gewinne ein, zahlen kaum Steuern und hintergehen die Länder, die ihre größten Absatzmärkte darstellen. Diese Probleme, und viele andere, warten auf eine Lösung.

Die Lösung sind aber nicht Rechtsparteien, die arme Ausländer dafür verantwortlich machen, dass Familie Müller ihre Miete nicht mehr zahlen kann und die Infrastruktur marode ist. Diese Parteien werden noch mehr die Interessen der Konzerne verteidigen und noch dazu Ausländer diskriminieren, die in den jeweiligen Ländern wohnen und ein Teil von ihnen sind. Und da Diskriminierung immer eine Gegenantwort erzeugt, wären soziale Unruhen vorprogrammiert.

Ich wünsche mir ein anderes Ergebnis für Sachen, Brandenburg und Frankreich. Ich wünsche mir, dass die Wähler von Rechtsparteien verstehen dass auch sie, in ihrem Dorf in Brandenburg oder in den Ardennen von der EU profitieren. Leider kann man Europa als Ganze nicht begreifen. Ich bin kreuz und quer durch die verschiedenen Länder gereist und bin immer wieder von der Schönheit der verschiedenen Landschaften, den Sprachen, den Traditionen und von der Herzlichkeit der Menschen begeistert. Meiner Meinung nach soll die EU jedem Bürger ein Interrailticket schenken, damit er dieses wunderbare Europa auch sieht und begreift. Meine Oma, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt hat, ist heute wählen gegangen. Mit 86. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen. „Wir dürfen Europa nicht verschenken“, sagte sie mir „Es sind zu viele Leute gestorben. Ihr Jungen begreift das nicht. Wir hätten nie so was zu träumen gewagt, dass alle in Frieden leben.“ Das sollten wir nie vergessen.

 

Bild: ©pixel2013/pixabay.com

Werbeanzeigen

Armut ist nicht immer sichtbar

Gesellschaft, Politik

Kurz vor der Europawahl werde ich politisch. Vielleicht weil ich gerade ein interessantes Buch über die immer mehr auseinanderklaffende Schere zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen in Westeuropa lese. Vielleicht, weil ich politische Debatten verfolge und mich ärgere wenn es heißt, in Deutschland hätten es alle gut.

Verglichen zu anderen Ländern sind wir tatsächlich ein reiches Land. Zumindest auf dem Papier muss niemand auf der Straße frieren oder hungern. Die Realität sieht doch ein wenig anders aus, denke ich immer, wenn ich durch Berlin spaziere und Obdachlose sehe, die in ihrem Schlafsack unter der Brücke liegen. Sicherlich handelt es sich oft auch um Menschen mit psychischen Problemen. Doch auch sie müssten in einem reichen Land nicht so enden. Laut einer Statistik der Wohlfahrtsverbände leben in Berlin 6.000 bis 10.000 Menschen auf der Straße, 37.000 Menschen leben in Notunterkünften, darunter auch viele Familien mit minderjährigen Kindern. Tendenz steigend. Ein Armutszeugnis für die deutsche Hauptstadt.

In den letzten zehn Jahren sind die Mieten in allen deutschen Großstädten explodiert, die Gehälter aber leider nicht. Die schwächsten Glieder der Gesellschaft bekommen das zu spüren. Das sind zum einen Alleinerziehende, die viel Platz für ihre Kinder brauchen, aber allein die Miete stemmen müssen. Ein Drittel von ihnen gelten bundesweit als armutsgefährdet. Das sind aber auch ältere Menschen mit kleinen Renten, die oft ein Leben lang gearbeitet oder Kinder großgezogen haben, und absurde Mieterhöhungen verkraften müssen. Und die 20 Prozent Arbeitnehmer, die als Niedriglöhner gelten.

Arm ist nicht nur, wer in der S-Bahn bettelt. Arm ist auch die vierköpfige Familie, die trotz zwei Vollzeitstellen weiter in einer 2-Zimmer-Wohnung lebt, weil alles anderes unbezahlbar ist. Arm ist der Rentner, der keine neue Waschmaschine kaufen kann, wenn die alte kaputtgeht. Arm ist die alleinerziehende Mutter die davor Angst, dass die Schuhe ihres Kindes zu eng werden, weil sie kein Geld für neue hat. Arm ist der Arbeitnehmer, der sich keinen Zahnersatz leisten kann, weil er trotz 40-Stunden-Woche keine 2.000 Euro auf der hohen Kante hat. Diesen Menschen sieht man oft nicht an, dass sie arm sind. Aber sie müssen verzichten oder sich verschulden, um sich Grundbedürfnisse zu erfüllen. Wir reden nicht von Urlaub, Vergnügen oder einem Auto. Wir reden von Kleidung, notwendigen Haushaltsgeräten und ärztlichen Leistungen.

Aus wirtschaftsliberalen Kreisen heißt es oft, solche Menschen seien selber Schuld, weil in Deutschland genug Arbeit vorhanden sei. Das ist aber falsch, da diese Menschen oft arbeiten oder gearbeitet haben. Nur können sie vielleicht nicht mehr Vollzeit oder überhaupt arbeiten, weil sie krank sind oder allein für kleine Kinder verantwortlich sind. Oder der Lohn reicht trotz Vollzeitstelle nicht, um alle Bedürfnisse zu decken, weil die Hälfte für die Miete ausgegeben wird. Und das soll gerecht sein? Ich habe persönlich das Glück, studiert zu haben und zumindest durchschnittlich zu verdienen. Es gibt aber nicht nur Akademiker. Es können nicht alle Beamte in höherem Dienst, Chefärzte oder erfolgreiche Rechtsanwälte sein. Die Gesellschaft braucht auch Pfleger, Erzieher, Kassierer und Friseure. Und auch diese Menschen müssen würdig leben können.

Die Annahme, dass höhere Sozialleistungen zwingend eine noch höhere Belastung der mittleren Einkommen bedeuten würde, ist ebenfalls falsch. Im internationalen Vergleich zahlen deutsche Arbeitnehmer tatsächlich im Schnitt viele Steuern und Sozialabgaben. Sie zu erhöhen wäre zumindest für mittlere Einkommen nicht der richtige Weg. Gleichzeitig besitzt der am Vermögen gemessene oberste Zehntel der Haushalte 60 Prozent des Gesamtvermögens, während das untere 30 Prozent nichts oder gar Schulden hat. Das sind die Menschen, die nichts sparen können, weil die Lebenshaltungskosten ihr ganzes Einkommen auffressen. Sie sind nicht zu dumm zum Sparen, wie oft suggeriert, es geht einfach nicht.

Wie wäre es damit, mal zur Abwechslung Vermögen zu besteuern? Wie wäre es mit einer höheren Besteuerung von Konzerngewinnen und Dividenden, und zwar EU-weit? Und wie wäre es mit einem höheren Mindestlohn, der verhindern würde, dass Menschen zu armen Arbeitnehmern und später armen Rentnern werden?

Letztendlich glauben viele irrtümlich, dass die Reichen nichts davon hätten, ihr Geld zu verteilen. Das stimmt aber nicht, und ein Blick in andere Länder zeigt es. Auch Reiche möchten sich frei bewegen, ohne abgestochen oder erschossen zu werden. Rutschen Menschen in die Armut und die Obdachlosigkeit, steigt aber die Kriminalität. Unternehmen möchten gut ausgebildete Fachkräfte. Arme Kinder haben jedoch ein viel höheres Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Viel Potential, das verloren geht. Und schließlich möchten alle die Kosten für die Gesellschaft so niedrig wie möglich halten. Gefängnisse, Polizisten, Einrichtungen für Drogenabhängige und Alkoholiker, sowie Sozialarbeiter kosten aber viel Geld. Das kann man vermeiden, indem jedes Kind von Anfang an die Chance hat, vom Wohlstand seines reichen Landes zu profitieren.

© kschneider2991/pixabay.com

Kopftücher und Miniröcke: lassen wir bitte jeder Frau die Freiheit!

Frauen, Gesellschaft

Ich wohne in Berlin-Wedding. Es ist hier nicht selten zu sehen, wie junge Mädchen mit Kopftuch neben ihren geschminkten Freundinnen mit engen Jeans laufen. Es gibt auch viele hybride Versionen, wie Leggings und Glitzerkopftuch, roter Lippenstift und Kopftuch, Adidas-Trainingsanzug und Kopftuch und so weiter.

Das Schrägste habe ich vor ein paar Wochen beobachtet: zwei Mädchen unterhielten sich auf Deutsch, hörten Musik und lachten laut auf der Straße. Eins trug ein T-Shirt und eine Caprihose, das andere einen Nikab und einen schwarzen Tschador. Es war zuerst unheimlich, diese schwarz verhüllte Gestalt mit Rucksack auf dem Rücken zu beobachten, die wie ein ganz normaler Teenager kicherte. Und ich kann mir vorstellen, dass sie mit ihren Vorlieben, Träumen usw. auch ein ganz normaler Teenager ist, zumindest scheint sie lebensfroh zu sein und Freunde zu haben. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie sich so verhüllt, aber es geht mich natürlich nichts an.

In Österreich wurde gerade ein Kopftuchverbot in Grundschulen beschlossen. Die Gründe kann ich zumindest auf dem Papier nachvollziehen: muslimische Mädchen sollten nicht in vorgefertigte Rollen gedrängt und vor der Unterwerfung befreit werden, die ihre Religion mit sich bringt. Nur: wollen sie wirklich befreit werden? Werden sie wirklich alle von der Familie gezwungen, das Kopftuch zu tragen?

Die Befürworter von Verboten sagen: Ja. Muslimische Mädchen wachsen schon mit diesem Modell auf, in dem die Frau sich verhüllen muss, um als ehrbar zu gelten. Sie bekommen von klein an eingetrichtert, dass es für eine Frau haram ist, in der Öffentlichkeit Haare, Beine und Arme zu zeigen. Und spüren einen großen Druck innerhalb ihrer Gemeinschaft, sich genauso zu verhalten, denn jedes Kind möchte von seiner Familie gelobt werden. Deswegen müssen wir Menschen, die säkular leben und uns die Gleichheit von Mann und Frau auf die Fahnen geschrieben haben, als Staat einschreiten und die Mädchen schützen.

Das klingt theoretisch vielleicht richtig, funktioniert aber nicht. Ich habe hier in Wedding und auch innerhalb meiner Arbeit mit Flüchtlingen viel mit muslimischen Familien zu tun gehabt. Auch ist mein Ex iranischer Abstammung. Ich kenne seine Familie und weiß, dass sie dieses Thema ganz anders sehen. Die Frauen sind sehr religiös und würden nicht auf die Idee kommen, das Kopftuch abzulegen. Gleichzeitig fühlen sie sich nicht bevormundet oder unterdrückt, sondern sehen das Bedecken ihrer Haare als Tradition und als Teil ihrer Beziehung zu Gott. Ob wir das richtig finden oder nicht, ist Nebensache. Wie kommt sich aber ein Mädchen vor, das in Deutschland aufwächst, sich zum Islam verbunden fühlt und gleichzeitig eine deutsche Schule besucht? Wenn wir ihr die Möglichkeit nehmen, das Kopftuch zu tragen, sagen wir ihr: Deine Kultur ist schlecht. Wir mögen sie nicht. Dieses Mädchen wird sich mehr und mehr abkapseln, in ihre Gemeinschaft zurückziehen und sich nie als volle Deutsche fühlen. Das ist das Gegenteil von Integration.

Ein Argument von Islamkritikern lautet: der in der Scharia festgelegte Kodex ist diskriminierend gegenüber Frauen. Er schreibt Frauen vor, sich zu verhüllen, während Männer sich so kleiden dürfen, wie sie wollen. Er verdammt die weibliche Sexualität, zumindest außerhalb der Ehe, und reduziert unverhüllte Frauen zu unmoralischen Verführerinnen und Männer zu willenlosen Wesen, die ihnen nicht widerstehen können.

Nun: das stimmt aus unserer Sicht. Das war in der christlichen Religion, besonders in katholischen Ländern, bis vor 50-60 Jahren aber auch der Fall. Dann kam mit den 68ern die sexuelle Befreiung. Seitdem dürfen wir Frauen Miniröcke tragen, so viele Partner wechseln wie wir wollen und unsere Reize zeigen, ohne als unmoralisch oder schlecht zu gelten. Zumindest meistens. Und das ist ganz toll. In traditionellen, islamischen Gemeinschaften ist das nicht der Fall. Es wäre aus unserer Sicht für den Islam gut, wenn eine Diskussion in diesem Sinne und eine Befreiung von den festen Rollen der patriarchalischen Gesellschaft stattfänden. Aber eben nur aus unserer Sicht. Wir müssen jedoch akzeptieren, dass es Frauen und Mädchen gibt, die den „alten“ Modellen folgen wollen. Sie wollen uns nicht dazu zwingen, ihnen gleichzutun, wie einige Menschen behaupten. Sie wollen nur mit ihrer Entscheidung in Ruhe gelassen werden.

Es ist unmöglich pauschal zu sagen, warum ein Mädchen sich mit 10 oder 11 Jahren verhüllen möchte. Vielleicht möchte es sich erwachsen fühlen, wie seine Mama und seine große Schwester sein. Vielleicht findet es das Kopftuch schön. Vielleicht wird es es später ablegen. Vielleicht wird es es ihr Leben lang tragen. Vielleicht wird die junge Frau Maschinenbau studieren und Ingenieurin werden, und das soll sie auch mit Kopftuch dürfen. Vielleicht wird sie mit 20 heiraten und nur Mutter sein wollen, und das ist auch okay. Vielleicht spürt sie den Druck der Familie, ein Kopftuch zu tragen. Wenn es so ist, sollten wir ihr Wege zeigen, sich davon zu befreien. Aber wir sollten ihr vermitteln, dass sie auch mit ihrem Kopftuch in der Schule willkommen ist.

 

© Bild: Alfred Dielmann / Pixabay

Ich trage was ich will, auch wenn ich nicht wie Heidi Klum aussehe

Frauen, Gesellschaft

Als mein zweites Kind zwei Monate alt war, gingen wir am Ostersonntag Essen. Meine Mutter, die gerade aus Italien zu Besuch war, kritisierte meine Kleidungsauswahl. „Muss es sein, dass du bei deinen dicken Beinen so einen kurzen Rock anziehst?“ Ich war zuerst sprachlos, dann entschied ich mich für eine lange, weite Hose, konnte aber weder das Essen noch den Tag genießen. Ein paar Wochen später zog ich an einem warmen Frühlingstag ein ärmelloses T-Shirt und Shorts an. Eine Freundin von mir, die vorbeigekommen war, um das Baby zu sehen, sagte plötzlich aus dem Nichts heraus „Hattest du auch beim ersten Kind so viel zugenommen? Ich kann mich nicht erinnern, dass du so dicke Arme hattest.“ Diesmal war ich den Tränen war, hielt mich aber zurück, weil andere Leute anwesend waren.

Ich muss dazu sagen, dass ich während meiner zweiten Schwangerschaft 25 kg zugenommen habe und nach der Geburt immer noch 72 kg wog. Glücklicherweise konnte ich in den folgenden sechs Monaten dank Vollstillen und Weight Watchers zu meinem normalen Gewicht zurückkehren, wofür alle mich bewunderten. Und ab dann konnte ich wieder Shorts, einen Bikini oder eine enge Jeans tragen, ohne komisch angeschaut zu werden. Im Nachhinein ärgere ich mich jedoch, dass ich damals nicht mehr Mut gehabt habe, den Menschen, die mich kritisierten, meine Meinung kundzutun.

Denn eigentlich, und nicht nur eigentlich, ist Kleidung Geschmackssache. Wenn jemand Kleidungsgröße 44 trägt und trotzdem in Hot Pants und mit unrasierten Beinen rumlaufen möchte, ist das seine Sache. Wenn eine Frau ein kurzes Kleid anzieht und Krampfadern oder geschwollene Beine hat, ist das vollkommen okay, solange sie sich wohl fühlt. Narben, Besenreiser, Schwangerschaftsstreifen gehören zum Leben, und mit zunehmendem Alter sind sie fast unvermeidlich. Auch schreibt kein Gesetz vor, dass sich nur Models mit Leggings oder einem V-Ausschnitt zeigen dürfen. Dennoch neigen vor allem wir Frauen dazu, diesbezüglich extrem fies zueinander zu sein. Daran hat mich ein toller Artikel auf ZEIT Online erinnert, wo die Autorin die ehemalige Vogue-Chefredakteurin Alexandra Shulman zitiert, die die 50-jährige Model Helena Christensen dafür kritisiert hat, in ihrem Alter eine Spitzenkorsage auf einer Party getragen zu haben.

Vielleicht bin ich so empfindlich, weil ich als Teenager unter der Oberflächlichkeit dieser Schönheitsideale sehr zu leiden hatte. Ich bin nie groß gewesen, und ab 11 ging ich eher in die Breite als in die Höhe. In meiner Klasse hatte sich eine fiese Mädchenclique gebildet, die ohne Zweifel bestimmte, was in und was out war. Die zwei, die den Ton angaben, waren natürlich spindeldürr und trugen oft, wie es in den 90ern üblich war, bauchfreie und knallenge Tops. Als ich mich einmal traute, auch ein kurzes T-Shirt anzuziehen, wurde ich regelrecht verbal gesteinigt. Natürlich sagten sie mir das nicht ins Gesicht, aber die verdrehten Augen und die geflüsterten Kommentare nahmen mir mein Selbstbewusstsein. Seitdem trug ich nur weite Oberteile und schwarze Hosen. Ich vermied Partys und hatte bis zum Abitur nie einen Freund. Das Gefühl, hässlich zu sein und mich unter XXL-Shirts verstecken zu müssen, blieb während der ganzen Schuljahre. In meiner späten Pubertät, da wohnte ich schon in Berlin, habe ich dank wenig Geld (=weniger Essen) und viele durchgetanzte Nächte deutlich abgenommen. Während eines Besuchs bei meiner Eltern in den Weihnachtsferien traf ich in einer Kneipe genau die Hühner, die mich damals so fertiggemacht hatten. Die ersten Worten waren natürlich „Wow, siehst du toll aus! Du bist so dünn!“ Ich dachte schon damals, mit knapp 20, dass sie sehr dumm sein mussten, um den Wert eines Menschen daran zu messen, ob er dünn oder dick war.

Ich bin 36 und meine Figur ist mit 64 kg bei 1,60 m nach drei Schwangerschaften völlig okay, denke ich. Trotzdem kann ich mich nicht mit Heidi Klum oder Bella Hadid vergleichen. Ich ziehe dennoch nach wie vor gerne ärmellose Kleider mit V-Ausschnitt im Sommer, Bikinis am Strand und enge Hosen an, wenn ich Bock darauf habe. Auch trage ich meine Haare lang. Ich denke nicht, dass sich das ändern wird, wenn ich 40 oder 50 bin. Meine Mutter behauptet schon immer, dass Frauen ab 50 mit langen Haaren lächerlich sind. „Hinten Gymnasium und vorne Altersheim“, sagt sie immer. Ähnliche Sätze habe ich bezüglich Hosen, Schminke, Kleider usw. gehört. Sei es, weil eine Frau übergewichtig ist, sei es, weil sie die Wechseljahre vermutlich hinter sich hat. Davon abgesehen, dass ich manche Frauen auch mit 50 und 60 schön finde (und andere mit 20 nichtssagend), verstehe ich nicht, wie man zu den eigenen Geschlechtsgenossinen so missgönnerisch sein kann. Steckt in so einer Behauptung Neid oder die Wut darüber, nicht mehr 20 zu sein? Fühlt man sich dadurch besser, wenn man andere runtermacht? Warum lästern Männer so viel seltener über die Kleidung und die Figur ihrer Kumpels? Warum wundern wir uns darüber, dass so viele junge Mädchen unter Bulimie und Magersucht leiden, und legen gleichzeitig solche starre Schönheitsideale fest? Die bezüglich eines Erfolgs in der Liebe übrigens nichts zu bedeuten haben, denn es gibt jede Menge übergewichtige Frauen in glücklichen Beziehungen, und genauso jede Menge ungewollte Singles, die wie Top-Model aussehen.

Vielleicht sollten wir die anderen tragen lassen, was sie wollen. Auch wenn sie Falten, Bäuche, Hängebrüste und dicke Beine haben. Wenn wir uns durch ihre Erscheinung beleidigt fühlen ist es nämlich nicht ihr Problem, es ist unser.

 

Ich bin nicht Aschenputtel oder..warum meine Wohnung selten glänzt

Frauen, Gesellschaft

Einer der beliebtesten Kritikpunkte bei Müttern, wenn sie andere Mütter angreifen wollen, betrifft die Sauberkeit der Wohnung. Ich habe tatsächlich nie gehört, dass Väter über andere Väter lästern, weil es bei ihnen zu Hause angeblich dreckig sei. Aber oft Frauen, die Freundinnen, Bekannte und sogar ihre eigenen Schwestern verurteilen, weil „bei ihr zu Hause sieht es aus“ oder „es ist zwar auf dem ersten Blick sauber aus, aber in der Ecken ist überall Dreck“. Eine weitere, dezentere Kritik durch die Blume ist, wenn man Besuch hat und die Freundin statt sich hinzusetzen anfängt, Geschirr abzuwaschen oder aufzuräumen, obwohl man gesagt hat, sie sollte es lassen.

Ich mag gegenüber solchen Anmerkungen empfindlich sein, weil ich während meiner Kindheit diesen Satz „Wie kann man in so einer Wohnung leben“ sehr oft gehört habe. Meine Oma, die Mutter meiner Mutter, ist eine ganz liebe Hausfrau nach alter Art, die sofort Teller und Gläser abräumt und abspült, wenn man mit dem Essen fertig ist, unmittelbar nach dem Aufstehen die Betten macht und nie einen Pullover oder eine Hose auf einem Stuhl liegen lassen würde. Bis jetzt, sie ist 87, putzt sie allein und täglich das Bad, auch wenn sie große Schmerzen an den Händen hat. Meine Mutter, ihre Tochter, ist ganz anders. Um es klar zu stellen: Bei uns zu Hause gab es nie Maden oder Müllberge. Aber durchaus zerstreute Socken, Hosen auf dem Boden im Bad und Teller in der Spüle (wir hatten nie eine Spülmaschine weil Mama meinte, sie würde zu viel Wasser verbrauchen). Und es konnte durchaus passieren, dass in einem Küchenschrank alles in sich zusammenfiel, wenn man eine Packung Kekse rausholte, weil alles irgendwie aufeinandergestapelt war. Meine Oma schlug immer die  Hände über den Kopf, wenn sie uns besuchte, und schämte sich dass ihre Tochter, die bei ihr aufgewachsen war, in so einem Chaos lebte.

Mich persönlich hat es nie gestört, dass Bücher und Hefte auf dem Wohnzimmertisch lagen oder dass ein paar benutzte Gläser rumstanden. Meine Mama war darüber hinaus Alleinerziehende, und hat Vollzeit als Lehrerin gearbeitet. Als ich älter wurde, verstand ich, dass sie nach einem Tag in der Schule das Bedürfnis hatte, mit einer Zeitschrift auf der Couch durchzuatmen. Sie hat gekocht und Wäsche gewaschen, damit wir Kinder essen und saubere Kleidung hatten. Alles anderes, was nicht fürs Tagesgeschäft notwendig war, hat sie erledigt, wenn sie Lust darauf hatte. „Ich habe die Teller nicht auf dem Kopf“, sagte sie immer, als meine Oma sie fragte, wie man ruhig schlafen konnte, obwohl die Spüle voll war.

Als Erwachsene  erkenne mich in dieser Hinsicht bei ihr wieder. Ich habe zwar eine Spülmaschine, somit liegt kein Geschirr herum. Mir tut es aber nicht weh, wenn die Betten nicht gemacht sind. Und gerade mein fast Zweijähriger streut gerne Blätter, Autos, Kuscheltiere, Hefte und sonstiges durch das Wohnzimmer. Ich habe nicht immer Lust, bis zu zehn Mal am Tag alles wieder in die Kisten zu packen, damit er nach ein paar Minuten wieder alles auskippt. Ganz oben auf den Hängeschränken in der Küche habe ich ewig nicht gewischt, und meine Fenster haben lange keinen Lappen gesehen. Manchmal liegt die saubere Wäsche in einem Haufen auf der Couch, weil ich keine Zeit habe, sie zu falten. Die Jungs nehmen sich direkt ihre Unterhosen, Socken und T-Shirts, wenn sie brauchen. Bügeln habe ich vor vielen Jahren abgeschafft. Ich koche fast jeden Tag frisch, wasche mindestens zwei Maschinen und sauge und wische jeden Tag die Küche. Auch wird der Müll täglich entsorgt. Die Bäder sind einmal pro Woche zirka dran, alles anderes nach Bedarf.

Letztes Jahr war ich mit Baby zum Frühstück bei einer Freundin eingeladen, die ebenfalls ein Baby und dazu noch ein kleines Kind hatte. Ich fand es sehr erfrischend und befreiend wie sie mich und eine andere Mutter reinließ, ins Wohnzimmer führte, wo überall Spielzeug auf dem Boden lag und sagte „Ich schaffe es nicht, den Haushalt zu machen.“ Es war keine Entschuldigung, sondern eine Feststellung. So geht es mir oft. Ich bin allein mit drei Kindern zwischen 12 und 2. Nur den Alltag zu meistern frisst enorm viel Zeit, dazu meine Arbeit. Wenn ich die Jüngeren von der Kita abhole, gehen wir im Sommer immer zum Spielplatz. Im Winter spielen wir Gesellschaftsspiele, backen Kekse oder schauen uns Bücher an. Die Stunden, nachdem die  Kinder gegen 21 Uhr eingeschlafen sind, bis ich ins Bett gehe (meist gegen Mitternacht), gehören nur mir. Ich lese , telefoniere, bade, surfe im Internet oder schaue mir Serien auf Netflix an. Ja, ich bin zu faul, um abends noch Böden zu wischen oder Wäsche zu falten.

Der Punkt ist: mein Tag hat nur 24 Stunden. Auch am Wochenende gehe ich lieber mit den Jungs in den Park, oder treffe Freunde, als Schränke zu wischen. Ich denke, dass meine Kinder sich später eher daran erinnern werden, dass sie mit ihrer Mama Ball gespielt haben und im Freibad waren, als dass zu Hause keine Krümel auf dem Boden waren. Sie haben sich nie beschwert, dass es nicht ordentlich genug ist. Aber schon darüber, dass ich zu wenig Zeit für sie hatte, um Risiko oder Monopoly zu spielen. Wenn sie erwachsen sind, werde ich viel Zeit haben, meine Wohnung auf Hochglanz zu polieren. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich spannendere Hobbys finden werde und es immer noch hier und da Krümel auf dem Boden geben wird.

Wir Frauen machen uns allzu oft gegenseitig fertig. Vielleicht, weil wir es so gelernt haben. Vielleicht, weil wir Angst haben, selber als schlampig zu gelten, wenn wir mit unseren Kindern spielen oder einen spannenden Roman lesen, statt zu putzen. Sicherlich hat jede von uns ein anderes Empfinden. Wo sich einige nie wohlfühlen würden, können andere wunderbar leben. Aber vieles hängt, denke ich, auch mit der Erziehung zusammen. Ich finde diesen Artikel zum Thema interessant, der treffend beschreibt, wie Mädchen seit der Kindheit ermutigt werden, zu putzen und aufzuräumen, als ob das naturgegeben wäre, dass Frauen das Haus sauber halten, und dass sie es später auch als ihre Verantwortung begreifen, während bei Jungs großzügig darüber hinweggesehen wird, wenn das Zimmer wie eine Müllhalde aussieht.  Ich habe für mich entschieden, dass ich Kommentare bezüglich meiner Wohnung ignorieren werde. Denn für mich gibt es echt Wichtigeres.

 

Bild: © MoteOo/pixabay.com

Familienleben..Stadt oder Land?

kinder

Gerade sind wir zurück aus einem entspannten Urlaub bei Oma 2, also der Mutter meines Ex, die in Norddeutschland mitten auf dem Land lebt. Ich staune jedes Mal wieder, wenn wir dort sind, wie die Kinder Smartphones und Spielkonsolen vergessen, wenn sie frei durch die Felder rennen können. Wir haben Truthähne beobachtet, Traktoren bestaunt, frisch gelegte Eier gesammelt und Pferde gestreichelt. Der Geruch von Heu, barfuß Laufen durch die Wiesen und das Rauschen der Bäche im Wald lassen Geist und Körper entspannen. Abends waren wir von der frischen Luft und der Sonne so fertig, dass wir alle um 22:00 Uhr schliefen. Und dann haben mein Ex und ich mit den Gedanken gespielt, wie es wäre, für immer dort zu leben und jeden Tag die Natur zu genießen.

Die Vorteile: die Kinder könnten immer frei herumrennen, ohne dass wir extra zum Spielplatz oder in den Park müssen. Wir selber könnten im Garten grillen und Musik hören ohne Rücksicht auf Nachbarn. Und so ein Haus mit Wohnkeller und Dachboden hat viel mehr Stauraum als eine Wohnung. Auch für Teenies (Kind 1 ist fast 13)  bietet das Dorfleben jenseits der Natur viele Möglichkeiten, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein. Osterfeuer und Maibaumfest sind nur einige Gelegenheiten, bei denen sich Teenies versammeln. Dabei haben die Eltern wahrscheinlich ein besseres Gefühl als Großstadteltern, wenn ihre Halbwüchsige durch eine Millionenstadt ziehen und mitunter in gefährlichen Ecken landen können.

Der Hauptnachteil wäre, dass wir zwei Autos bräuchten. Hier in Berlin erledigen wir alles zu Fuß oder mit der BVG. Dort gibt es kaum eine Familie, die ohne Kombi oder SUV auskommt. Der nächste Supermarkt ist eben nicht 200 Meter, sondern ein paar Kilometer entfernt. Auch könnte Kind 1 nicht allein zum Sport oder zum Musikunterricht wie hier in Berlin fahren und wenn, dann wäre der Weg länger. Er müsste entweder etliche Kilometer zum nächsten Bahnhof radeln und den Regionalzug nehmen, oder das Elterntaxi müsste einspringen. Ich arbeite von zu Hause und bräuchte nur schnelles Internet. Sollte ich aber in ein paar Jahren doch wieder fest arbeiten wollen, wäre die Pendelei in die Großstadt (40 km entfernt) unvermeidbar, denn technische Redakteure werden im Dorf nun mal wenig gebraucht. Und für meinen Ex, der immer deutschlandweit pendelt, wäre der Bahnhof ein Stück weiter entfernt und die Verbindungen schwieriger.

Mit meinen Eindrücken aus dem Land, dem blauen Himmel und den grünen Wiesen im Kopf bin ich gestern in Berlin angekommen. Der Kontrast zu den Menschenmassen am Osternmontag am Hauptbahnhof hätte nicht größer sein können. Während ich mich mit Kindern und Koffern entlang des Bahnsteigs im Schneckentempo bewegte, fragte mich ein ziemlich verzweifeltes polnisches Pärchen ob ich wüsste, wo Gleis 1 sei. Ich habe sie gelotst und wir hatten ein kleines Gespräch halb auf Englisch, halb auf Polnisch (mein Polnisch lässt zu Wünschen übrig). Sie kamen aus der Nähe von Danzig und machten Urlaub in Deutschland. Im Bus auf dem Weg nach Hause teilte ich mich den engen Raum, der für Kinderwagen vorgesehen ist, mit einer irakischen Familie. Schnell entstand auch hier ein Gespräch. Die Eltern und die vier Kinder sind seit drei Jahren hier und wohnen in Reinickendorf. Eigentlich wollte ich nur schnell in die Wohnung, doch an dem Platz bei der Bushaltestelle hatten sich Musiker versammelt und spielten mit Trommeln und Flöten orientalische Klänge. Die Kinder blieben wie hypnotisiert stehen, der Kleine klatschte. Wir hörten bestimmt zehn Minuten zu.

Und als wir endlich in unseren vier Wänden waren, überlegte ich, dass genau das mir vermutlich auf dem Land fehlen würde: Der Austausch mit Menschen aus verschiedenen Nationalitäten, die Möglichkeit, ständig neue Leute zu treffen. Ich brauche nicht, wie die Dame in diesem Artikel, einen Laden, in dem ich um zwei Uhr nachts eine Federboa kaufen kann. Aber die Musik, die belebten Straßen, die vollen Parks beherbergen unendliche Chancen, Gleichgesinnte kennenzulernen. Mein Großer sagte dann kurz vor dem Bett „Mama, auf dem Land ist es toll, aber ich freue mich auch total, wieder in Berlin zu sein.“

Lieber Kinderwagenhasser

Gesellschaft, kinder

Lieber Kinderwagenhasser,

heute Morgen hast Du mich beschimpft, als Du in die volle Straßenbahn eingestiegen bist und an meinem und einem weiteren Kinderwagen, die ordnungsgemäß in dem Kinderwagenteil standen, nicht vorbeikamst, sodass Du in die andere Richtung gehen musstest. Nachdem ich als Antwort auf Deinen „Scheißkinderwagen“ Kommentar angemerkt habe, dass ein wenig Freundlichkeit allen gut täte, hast Du erst recht losgepoltert und gemeint, wir sollten mit unseren „Scheißbalgen“ zu Hause bleiben.

Die andere Mutter, eine asiatisch aussehende Frau mit einem Neugeborenen und einem Kleinkind im Geschwisterwagen,  hat nichts von Deinem Ausbruch verstanden und weiter gelächelt. Ich war dagegen verletzt, wie so oft in den letzten Jahren, obwohl ich zwei noch verschlafene Kinder, einen schweren Rucksack und wirklich andere Sorgen hatte, als mich wegen eines unhöflichen Fremden zu ärgern. Für Dich war es wahrscheinlich nichts besonders; nach zwei Stationen bist Du ausgestiegen, ohne die Kinderwagen, die Dich eben so geärgert hatten, eines Blickes zu würdigen. Vielleicht ist es für Dich normal, Deinem Frust Luft zu machen, indem Du Mütter und ihre Kinder beleidigst, aber mich haben Deine Worte noch ein paar Stunden beschäftigt.

Du kannst es nicht wissen, lieber Kinderwagenhasser, aber der Kinderwageninsasse ist bereits mein drittes Kind. Seit fast 13 Jahren schiebe ich mit ein paar Unterbrechungen einen Kinderwagen durch Berlin. Und immer wieder gerate ich an Leute wie Dich, egal ob in einem Geschäft, in der S-Bahn oder auf einem verengten Bürgersteig. Leute die meinen, mich beschimpfen zu müssen, weil sie wegen meines Kinderwagens ein paar Sekunden ihres Lebens verlieren oder einen Umweg von drei Schritten in Kauf nehmen müssen. Leute die meinen, sofort und unbedingt JETZT vorbeizumüssen, und in Rage geraten, wenn eine Mutter mit Kinderwagen den gleichen Weg geht und sie fünf Sekunden warten müssen.

Wenn es nur Ignoranz oder Unhöflichkeit wäre, könnte ich damit leben, lieber, unbekannter Kinderwagenhasser. Unhöfliche Menschen gibt es viele. Aber in Deinen Worten, in Deinem Vorwurf, ich soll doch mit meinem Blag nicht die öffentlichen Verkehrsmitteln verstopfen, steckt eine Haltung, die mich wütend macht. Es ist die Forderung, Eltern mit Kleinkindern sollten bitte zu Hause bleiben, und nicht im Supermarkt, im Bürgeramt oder am Flughafen mit ihrem Kinderwagen die Gänge verstopfen. Sie sollten mit ihren nervigen, quengelnden Kinder zum Spielplatz um die Ecke gehen, und ansonsten die Gesellschaft von ihrem Nachwuchs verschonen.

Dabei ist das Leben nicht so einfach. Ich kann mir vorstellen, dass Du vielleicht einen schlechten Tag hattest. Vielleicht hattest Du Dich gerade mit Deiner Freundin gestritten, wurdest vor ein paar Tagen gekündigt oder kamst vom Zahnarzt nach einem schmerzhaften Eingriff. Aber weißt Du, lieber Kinderwagenhasser, auch Mütter und Väter von Kleinkindern haben diese Probleme. Auch sie haben Stress in ihrer Partnerschaft, sind krank oder werden arbeitslos. Und neben ihrem Kind haben sie Arzttermine, müssen einkaufen oder möchten jemanden besuchen. Sie haben vielleicht weitere Kinder, die zum Sport oder zum Musikunterricht begleitet werden müssen, und nicht immer sind Großeltern da, die auf das Kleinkind aufpassen. Sie können oft nicht auf die nächste Bahn oder auf den nächsten Fahrstuhl warten, auch wenn sie voll sind, weil sie das Geschwister vom Kindergarten abholen müssen.  Sie können nicht ausschließlich um 21 Uhr abends einkaufen, wenn die Straßen und die U-Bahnen leerer sind, denn dann schlafen die Kinder.

Jetzt ärgere ich mich, lieber Kinderwagenhasser, weil ich mich dafür rechtfertige, dass ich heute Morgen in der Straßenbahn mit meinem Kindern war. Ich muss es aber nicht. Ich kann weder etwas dafür, dass wegen ständiger Verspätungen und Bauarbeiten die öffentlichen Verkehrsmittel oft überfüllt sind, noch kann ich was dafür, dass in einer Straßenbahn der Platz für Kinderwagen und Rollstühle so begrenzt ist. Ich zahle für mein Abonnement genauso wie Du, und ich darf mit meinen Kindern so lange fahren, wie ich möchte. Ich muss mich auch nicht entschuldigen dafür, dass ich mit meinem Kinderwagen eine Fläche von noch nicht mal einem Quadratmeter besetze.

So ist das Leben in einer Großstadt. Es gilt, sich den Raum mit vielen Menschen zu teilen und das bedeutet auch, im Fahrstuhl enger aneinanderzurücken oder an einer Verengung des Bürgersteig eine Sekunde zu warten, bis der Kinderwagen vorbeizieht. Wem es zu stressig ist, hat immer noch die Möglichkeit, ländlicher zu wohnen, wo die Menschendichte geringer ist und es noch nicht mal Straßenbahnen gibt.

Und noch eins, lieber Kinderwagenhasser, bevor ich Dich verlasse: Du wirst auch alt. Ich wünsche Dir, bis zum Ende Deines Lebens gesund zu bleiben und mit 100 im Schlaf ohne Schmerzen zu sterben. Eine Garantie hast Du aber nicht. Und falls Du dann als alter, gebrechlicher Mensch einen Rollstuhl oder einen Rollator brauchen wirst, wirst Du auch auf die Hilfe und die Freundlichkeit Deiner Mitmenschen angewiesen sein. Vielleicht wird genau mein Kind, das Du heute beschimpft hast, Dir helfen, mit Deinem Rollstuhl in den Bus zu steigen. Vielleicht wird Dir aber ein junger Mann, der in der Bahn Deinetwegen nicht vorbeikommt, nahelegen, mit Deinem ollen Rollator zu Hause zu bleiben. Überleg mal: irgendwann sind wir alle dran. Und damit verabschiede ich mich, lieber Kinderwagenhasser. Eine schöne Woche noch!

 

 

© Bild: d97jro/pixabay.com