Erkenntnisse nach zwei Monaten Corona-Homeoffice mit Kindern

beruf, Corona, kinder

Wie werden wir in 5 oder 10 Jahren auf diese verrückten Monate zurückblicken? Ich denke, mit gemischten Gefühlen. Persönlich genieße ich sehr die Zeit mit den Kindern. Anderseits schmerzt mein Arbeitstier-Herz, weil vieles liegen bleibt. Doch wir machen das beste daraus. 10  Erkenntnisse aus dem Corona-Homoffice.

  1. Auch Pubertieren wird YouTube irgendwann langweilig – der Große (13) spielt tatsächlich wieder mit Lego. Nach meinem erstaunten Blick erwiderte er „Ich habe ziemlich alles gesehen, was YouTube zu bieten hat. Wird langsam öde.“
  2. Musik hilft, Nachbarn kennenzulernen – der Mittlere (7) spielt seit 2 Jahren Geige. Ich habe ihn während des Unterrichts begleitet und habe jetzt auch eine Geige. Die besten sind wir nicht, aber es macht Spaß! Neuerdings haben wir für meinen Vater „Happy Birthday“ geübt und ihm dann via WhatsApp das aufgenommene Video zu seinem Geburtstag geschickt. Neuerdings hat mich ein Nachbar im Treppenhaus angesprochen: „Seid ihr diejenigen, die die ganze Zeit Geige üben?“ Wir werden berühmt! So begeistert sah er aber nicht aus…
  3. Spaghetti mit Ketchup gehen immer – Zum Frühstück, spät abends oder als Mittagessen freuen sich alle drei Jungs über Nudeln mit der roten Soße (und das als Halb-Italiener!). Dann brauche ich kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn keine Zeit für aufwändiges Kochen da ist. Gemüsebrätlinge, Couscous und Auberginenlasagne sind dagegen, wie der Mittlere sagte „voll schwach“.
  4. Ich kann auch um 3 Uhr nachts produktiv arbeiten – die Zeiten verschieben sich. Wenn die Kleinen (7 und 3) ins Bett gehen, fängt meine eigentliche Arbeitszeit an. Das kann auch gerne um 22 Uhr sein. Zum Glück bin ich eine Nachteule.
  5. Kaffee geht immer – was für die Jungs Nudeln mit Ketchup sind, ist für mich der Kaffee. Ich zähle die Tassen gar nicht mehr. Danke Tchibo, dass Kapseln immer problemlos erhältlich sind.
  6. Man sieht sich nicht, aber man quatscht mehr als früher – die Freunde sind unglaublich mitteilungsbedürftig geworden. Mit meinem besten Freund, den ich momentan nicht sehe, da er „im Westen“ lebt, haben wir den Rekord gebrochen. Ganze 3 Stunden und 43 Minuten haben wir zuletzt telefoniert. Kommentar des Großen: „Habt ihr euch in eurem Alter so viel zu sagen?“
  7. Peppa Wutz kann man auch auswendig lernen – der Kleine (3) kann alle Folgen auf Netflix nachsprechen. Und hat ganz viele neue Wörter gelernt.
  8. Den grünen Daumen haben wir immer noch nicht – ich dachte, diese reisefreie Zeit sei eine gute Idee, um sich wieder Pflanzen anzuschaffen. Schließlich sind wir viel zu Hause. Was daraus geworden ist. smart (Ja, ich habe sie gegossen)
  9. Brettspiele sind toll – ich habe zuletzt „Zug um Zug – Europa“ gekauft. Ein Superspiel für die ganze Familie! Wir haben aber auch Monopoly, Risiko und Camel Cup wiederentdeckt.
  10. Und trotzdem sind wir froh, wenn alles wieder normal wird – denn uns fehlt das Reisen. Meine Familie in Italien haben wir seit Weihnachten nicht gesehen. Die Oma in Norddeutschland ebenfalls nicht. Die Kinder vermissen ihre Freunde. Und ich vermisse einen Abend in der Kneipe mit Freundinnen, Rockmusik und viel Rotwein.

Bitte keine Blumen, wir wollen Respekt

Allgemein, Frauen, Gesellschaft, kinder

Meine Oma backte Kuchen, nähte Kleider, schnitt Haare, klebte Pflaster auf blutende Knie, hörte sich die Sorgen pubertärer Enkelkinder und erwachsener Kinder, bezog Betten, bügelte, und die Liste könnte ewig weitergehen. Einmal fragte ich sie „Nonna, hast du in deinem Leben auch mal etwas für dich gemacht, nur für dich?“ Ihre Antwort: „Ich war immer für meine Familie da. Ich hatte keine Zeit für mich, aber es ist in Ordnung. Hauptsache, meiner Familie ging es gut.“

Meine Oma ist 1932 geboren. Wie viele Frauen ihrer Generation durfte sie weder nach der 8. Klasse zur Schule gehen noch einen Beruf lernen. Inzwischen sind wir viel weiter. Frauen studieren, gründen Unternehmen und mischen in der Politik mit. Der Staat bemüht sich um eine Kinderbetreuung, damit Eltern Beruf und Familie vereinen können.

Eigentlich macht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ziemlich viel für Familien. Wir haben Kitas mit langen Öffnungszeiten, großzügige Elterngeldregelungen und viele aufgeklärte Väter und Arbeitgeber. Klar, die Rabenmutterfraktion („Wie kannst du dein Kind fremdbetreuen lassen?“) gibt es nach wie vor. Aber ich hatte das Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft im Sinne der Gleichberechtigung auf einem guten Weg sei.

Dann kam Corona. Um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Kurve abzuflachen, musste das öffentliche Leben stillstehen. Das war wichtig und richtig. Jetzt haben wir jedoch geschafft, die Verbreitung der Pandemie zu verlangsamen. Geschäfte, Hotels und gastronomische Einrichtungen öffnen langsam wieder. Nur die Kinder sitzen weiter zu Hause, oder haben eine Stunde Schule am Tag. (Oder wie bei meinem mittleren Sohn, 3 Tage Schule in 5 Wochen). Eltern versuchen weiter, zwischen Fibel lesen, Ball spielen und Chemieaufgaben ein paar Minuten für die Arbeit zu finden. Und Geld zu erwirtschaften, um Miete und Lebensmittel zu zahlen.

Verständnis ernten sie nicht immer, vor allem Mütter. Ein gängiger Vorwurf lautet, sie seien eh verwöhnt und würden nur jammern. Es sei schließlich ihre verdammte Pflicht, sich um die Kinder zu kümmern, oder warum haben sie sie auf die Welt gesetzt? Nur um sie in die Schule/Kita „abzuschieben“? So lange ein klitzekleines Risiko besteht, wird es keinen normalen Unterricht und Kitabetrieb geben. Mütter klagen über Burn Out? Sie sollen sich nicht anstellen. Sie haben schließlich die Blagen gewollt.

Ich schlage mich tatsächlich mit drei Kindern durch. Es geht. Auch wenn meine Arbeitszeiten sich Richtung Nacht verschoben haben. Irgendwie geht es immer. Ich mache mir jedoch Sorgen um meine Kinder. Um ihre Bildung. Denn ich bin keine Lehrerin und kann auch keine Lehrer ersetzen. Dann verbringe ich den ganzen Tag zwischen Mathe und Chemie (Gymnasium, 8. Klasse), Leseübungen (1. Klasse), Peppa-Buch lesen (das kleine Kind, 3 Jahre alt), koche schnell Nudeln, schreibe zwischendurch ein paar Zeilen und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mal die Hälfte von dem geschafft habe, was ich schaffen wollte. Und die Hausaufgaben sind auch nur zur Hälfte gemacht.

Und hier zurück zum Mutterbild meiner Oma. Erstaunlich viele Menschen denken immer noch, Mütter seien Wesen ohne Bedürfnisse, die gefälligst ihren Mund zu halten haben. Und das spürt man momentan sehr. Beruf? Selber schuld. Hätten sie sich nur einen reichen Mann geangelt, der sie ernährt. Freizeit, Sport, Freunde? Verwöhnte Tussis. Schließlich haben Millionen Frauen jahrhundertelang zwischen Herd und Kinderzimmer gelebt. Genießt doch die Zeit mit euren Kindern, undankbare Weiber! (Auch wenn ihr nicht wisst, wie ihr die nächste Miete zahlen solltet.) Alleinerziehend? Ohnehin selber schuld, warum habt ihr euch getrennt?

Die Mütter am Muttertag zu ehren ist an sich eine feine Sache (genauso wie die Väter am Vatertag zu ehren). Jedoch hören sich die Lobeshymnen für mich momentan so „Liebe Mütter, eure Bedürfnisse und die eurer Kinder sind einfach zweitrangig. Wir versuchen, alternative Konzepte mit ganz vielen englischen Begriffen zu erfinden, damit ihr denkt, wir haben wirklich eine Lösung für euch. Haben wir aber nicht. Eure Kinder, eure Probleme. Aber nehmt die Blumen und…wir finden euch ganz toll! Weiter so!“

Ganz ehrlich? Blumen brauchen wir nicht. Wir brauchen Respekt. Für uns und für unsere Kinder.

Patchworkfamilien: Ein stetiger Balanceakt

Beziehungen, kinder

Ich habe im Freundeskreis viele Patchworkfamilien und wir sind auch eine. Zum Glück sind schiefe Blicke heute selten, wenn man sich als getrennte/r Mutter/Vater mit Kindern aus verschiedenen Beziehungen outet. Ich stelle aber immer wieder fest, dass bei den meisten nicht immer alles reibungslos läuft. Klar, es gibt auch diese Muster-Patchworkfamilien, bei denen der neue Freund von Mama und die neue Freundin von Papa mit ihren jeweiligen Kindern aus früheren Beziehungen zelten fahren, und es klappt super. Aufgrund meiner subjektiven Erfahrungen denke ich jedoch, dass sie relativ selten sind.

Die schwierigste Situation ist, wenn ein Elternteil plötzlich eine/n neue/n Partner/in. Gerade wenn die Trennung noch frisch ist, spielen Eifersucht und Rache womöglich eine große Rolle. Aber auch nach Jahren ist es meiner Meinung nach legitim, die/den Neue/n des Ex-Partners nicht näher kennenlernen zu wollen. Das Scheitern einer Beziehung, vor allem wenn Kinder dabei sind, tut einfach weh. Selbst wenn man irgendwann „über dem Berg“ ist und sich neu verliebt, bleibt so was wie eine Narbe.

Die Frage ist: Was macht man, wenn Kinder dabei sind? Manche Menschen sind so klug und einfühlsam, die Kinder des neuen Partners aus früheren Beziehungen fair zu behandeln. Das klappt aber nicht immer. Wenn der neue Partner zum Beispiel keine Kinder will, weil er schon welche hat, bilden sich bei dem/der Neuen oft unbewusst Ressentiments gegenüber diesen Kindern, die das auch spüren. Oder es kommen irgendwann eigene Kinder, und die Kinder des Partners werden stiefmütterlich behandelt. Ich habe leider diese Erfahrungen in meiner Kindheit gemacht. Mein Vater hatte nach meiner Mutter mehrere langjährige Beziehungen. Gut verstanden habe ich mit mich mit seinen Freundinnen nie. Im Nachhinein betrachtet waren sie eifersüchtig auf mich und meine Bindung zu meinem Vater (der keine Kinder mehr wollte).

Vor ein paar Jahren gestand mir ein Vater, den ich aus dem Kindergarten kannte, dass seine neue Freundin und seine Kinder sich Null verstanden und er ziemlich verzweifelt war. Die Trennung von der Mutter der Kinder war hässlich gewesen, das Verhalten zu ihr seitdem unterkühlt. Er hatte sich, während er noch mit ihr verheiratet war, in seine aktuelle Freundin verliebt. Die mittlerweile Ex-Frau war sehr gekränkt gewesen. Sie ließ kein gutes Haar an ihrem Ex-Mann und seiner neuen Partnerin. Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Trennung 7 und 4 und hatten viel gelitten, insbesondere das Älteste. Hinzu kam, dass die neue Freundin keinen Zugang zu den Kindern fand und sich mehr oder weniger weigerte, mit ihnen etwas zu unternehmen. Eigentlich wollte sie ein eigenes Kind, aber das war finanziell nicht möglich, da er eine Umschulung machte und Alimente an die Ex-Frau zahlen musste. Der Mann, ein ganz fürsorglicher und einfühlsamer Vater, zerrieb sich zwischen seiner neuen Liebe und seinen Kindern. Wie es ausgegangen ist, weiß ich nicht. Wir haben uns aus den Augen verloren.

Mein damaliger Freund meinte damals, dass er die Mutter der Kinder nicht verstehen konnte. Selbst wenn man verletzt wird, müsse man seiner Meinung nach als Elternteil die eigenen Gefühle verstecken und den neuen Partner des Ex akzeptieren. Ich war anderer Meinung. Schlecht reden und die Kinder negativ beeinflussen finde ich in so einer Situation ebenfalls schlecht und unfair. Aber ich konnte auch verstehen, dass diese Frau nicht mit ihrem Ex-Mann und seiner neuen Flamme zum Spielplatz wollte.

Wie funktioniert man also als Patchworkfamilie? Das Wichtigste ist, dass es den Kindern gut geht. Dass sie Mama und Papa haben und wissen, dass sie auf beide zählen können. Und auch bei einem gekränkten Ego sollte man als Mutter/Vater so fair sein und nie über den Ex schlecht reden, denn er/sie ist der Papa beziehungsweise die Mama. Egal wie bereichernd ein Stiefvater oder seine Stiefmutter sein können, das Kind braucht seine Eltern, und zwar beide.

Darüber hinaus bleiben wir als Eltern jedoch Menschen. Auch mit 30, mit 40 und mit 50. Und mit gebrochenem Herz kann man nicht immer lächeln. Es ist okay für die Kinder zu wissen, dass Papa nicht mit Mama und ihrem neuen Freund nach Spanien fliegen will, weil er Mama sehr geliebt hat und die neue Situation ihm weh tut. Und umgekehrt. Die Kinder profitieren von dieser Ehrlichkeit und wissen, später ihre Emotionen nicht zu verstecken. Wir haben alle unsere Risse, Beziehungen sind schwierig, und das Leben ist nicht perfekt. Diese Lektion kann man meiner Meinung nie früh genug lernen.

 

 

 

„Ich habe nichts gegen Ausländer, aber..“ Verlogenheit im Alltag

Gesellschaft, kinder, Politik

Mein mittlerer Sohn ist letzte Woche eingeschult worden. In Prenzlauer Berg, einem Bezirk mit einer niedrigen Ausländerquote. In seiner Schule beträgt der Anteil der Kinder „nichtdeutscher Herkunftssprache“ (ndH= Bürokratendeutsch für Ausländer) gerade mal 11 Prozent. Eigentlich wohnen wir in Wedding. In der Schule im Einzugsgebiet liegt der ndH-Anteil bei 93 Prozent. Grund genug, ihn letztes Jahr beim Vater anzumelden, damit er dort die Schule besuchen kann.

Ich habe mit dieser Entscheidung viel gehadert. Vor allem der Papa war aber strikt dagegen, ihn in eine Schulklasse zu schicken, in der er höchstwahrscheinlich das einzige deutsche Kind sein würde. Offiziell war die Qualität des Unterrichts der ausschlaggebende Punkt. Unter diesem Aspekt hatte ich auch Bedenken. Wie sollten Kinder vernünftig lesen und rechnen lernen, wenn kaum jemand Deutsch versteht? Als ich im Freundes- und Bekanntenkreis über die Problematik geredet habe, habe ich von allen Verständnis geerntet und Sätze gehört wie „Ich würde auch nie mein Kind da drüben zur Schule schicken“ oder „Ich würde deswegen nie da drüben wohnen wollen“.

„Da drüben“ ist wohl bemerkt zwei Stationen vom (politisch) grünen, toleranten und Multi-Kulti-Prenzlauer Berg entfernt. Der Unterschied ist wohl, dass die Ausländer in Prenzlauer Berg meist EU-Ausländer sind: Italiener, Spanier, Franzosen, Schweizer. Oder höchstens US-Amerikaner und Japaner. Das sind scheinbar die A-Ausländer. Die B-Ausländer, die keiner als Klassenkameraden haben will, wohnen woanders.

Bestimmte Menschen äußern ihre politische Meinung innerhalb von wenigen Sekunden („Die sind gar keine Flüchtlinge“, „Sie wollen nur auf unsere Kosten leben“ usw.). Interessanter finde ich aber, wenn auf dem Papier linksliberale Menschen, die gegen die AfD in sozialen Netzwerken posten und bei vermeintlich rassistischen Äußerungen sofort durchdrehen, kein Problem damit haben zuzugeben, dass sie bestimmte Ausländergruppen nicht als Klassenkameraden ihrer Kinder möchten.

Sicherlich, sie können alle nichts dafür, dass die Situation so ist, wie sie ist. Dass in manchen Wohnsiedlungen fast nur Migranten mit einem niedrigen Bildungsniveau wohnen. Doch das ist meiner Meinung nach ein Ei-Henne-Problem. Diese Kinder scheitern öfters in der Schule, weil sie zum Teil kaum Kontakt zu deutschsprachigen Kindern haben. Wie würde ich mich als Jugendlicher fühlen, wenn ich das Gefühl hätte, dass das Land, in dem ich aufwachse, mich von Vornherein als ungebildeten Ausländer sieht, und dass die Kinder aus gutbürgerlichen Familie absichtlich von mir ferngehalten werden?

Gerade die Schule könnte dort viel bewirken. Es ist nicht so, dass in Wedding, Neukölln oder Kreuzberg keine deutschen Kinder leben. Sie besuchen aber oft Schulen in anderen Bezirken, weil die Eltern Angst um ihren Erfolg haben. Ein Versuch des Schulamtes Mitte, für mehr Durchmischung zwischen Alt-Mitte und Wedding zu sorgen, scheiterte bereits 2013. Offiziell sind immer die langen Schulwege, das Profil der Schule oder sonstige Kriterien ausschlaggebend. Es traut sich niemand zu sagen : „Es sind mir zu viele Ausländer in der Schule.“ Dabei wäre das ehrlicher.

Mein jüngstes Kind besucht eine Kita, in der er eins der weniger deutschsprachigen Kinder ist. Viele seiner Kitakumpels sind Flüchtlingskinder, deren Eltern kaum Deutsch sprechen. Komischerweise werde ich immer auch darauf angesprochen. Ob ich keine Angst hätte, die Entwicklung meines Kindes zu gefährden. (Meine Antwort: „Nein, wir sprechen zu Hause Deutsch“). Und auch sonst, funktioniert das mit den Freundschaften? (Meine Beobachtung: „Kinder sind Kinder“). Und darüber hinaus, sage ich, habe ich auch einen Migrationshintergrund. Antwort: „Jaaa, aber Italien. Das ist nicht wirklich Ausland in dem Sinne.“

Gibt es also A- und B-Ausländer? Ich bin ziemlich ratlos. Und komme zur Erkenntnis, dass es nicht reicht, die Grünen zu wählen, um wirklich offen zu sein.

 

Das Gewicht der Mutterschaft

Frauen, kinder

Seit einer Woche ist auch der mittlere Junge ein Schulkind. Gerade am Anfang brauchen die kleinen Schüler viel Hilfe. Vor allem der (im Vergleich zu ihm) riesige Ranzen empfindet er als viel zu schwer. Sein Schulweg ist auch ziemlich lang, fast vier Kilometer. Sein Papa und ich haben uns gegen die Schule um die Ecke entschieden, weil sie uns nicht als die bessere Lösung erschien (darüber habe ich schon geschrieben, wir wohnen in Berlin-Wedding und er wäre als deutsches Kind eine Minderheit gewesen).

Und so befördere ich ihn jeden Morgen mit dem Fahrrad nach Prenzlauer Berg zur Schule und hole ihn ab. Er sitzt bequem auf dem Fahrradsitz und ich strampele. Ich sehe es als Fitnessübung und finde es nicht so schlimm. Ich hänge den Ranzen am Lenker und los geht’s. Doch am Montag Nachmittag, wenn ich ihn abhole, kommt zum Ranzen auch die Geige dazu. Seit einem Jahr nimmt er Geigenunterricht und spielt sehr gerne. Auf dem Rückweg haben wir noch für 5 Personen eingekauft (meine Mutter besucht uns gerade). Brot, Käse, Obst, Getränke. Eine schwere Tüte kommt also dazu, die hänge ich links am Lenker. Rechts sind der Ranzen um die Geige, die ein Gegengewicht schaffen. Ein wenig fühle ich mich wie eine von diesen asiatischen Marktfrauen, die Kisten und Körbe auf ihrem Rad balancieren.

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Und so erklimme ich mühsam die Brücke, die einst die Grenze zwischen Ost- und Westberlin markierte, mit einem Gewicht von über 20 Kilo und überlege, während ich atemlos den Gipfel erreiche, dass Mutterschaft beziehungsweise Elternschaft einen nicht nur geistig herausfordert. Baby tragen, Windeln in den 5. Stock tragen, Spielzeuge, Wechselkleidung und Wasserflasche zum Spielplatz schleppen. Müde Kleinkinder hoch in die Wohnung befördern, später dem Kind den vollen Ranzen abnehmen. Bücher und sonstiges Schulmaterial kaufen und nach Hause bringen, unendliche Wäscheladungen zur  Waschmaschine tragen.

Das Schöne ist jedoch: irgendwann kommt man an. Und so sind wir um 19 Uhr zu Hause, mit Lebensmitteln, Schulranzen und Geige. Der Kurze gähnt und will dennoch mit seinem großen Bruder Karten spielen. Und ich habe das befriedigende Gefühl, etwas geschafft zu haben. Für einen vollen Kühlschrank sorgen, den Kita/Schulalltag meistern, jedes Kind mit sauberer Wäsche versorgen. Das erscheint uns Eltern selbstverständlich, weil wir es täglich machen, dennoch sollten wir meiner Meinung nach öfters stolz auf uns sein. Und während die Großen sich um Yugi-Oh Karten streiten und der Kleine schreit, weil er Eis statt Omelette essen will, denke ich, dass ich trotz dauerhaft erhöhtes Lärmpegels und Schleppereien dieses Leben nie mit jemand anderem tauschen würde.  Denn die Schwere, die Verantwortung sind nicht nur negativ. Sie lassen mich zufrieden einschlafen, sie geben dem Leben einen anderen Sinn als nur das Hier und Jetzt. Und darüber hinaus sorgen sie für schlanke Beine.

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Was mir Europa bedeutet…und warum ich es immer verteidigen werde

Gesellschaft, Politik

Europawahlen sind für mich immer ein hochemotionales Thema. Gerade wenn rechtsextreme Parteien sich in meinen beiden Heimatländern (Deutschland und Italien) ausbreiten und die EU in Frage stellen. Denn meine Theorie ist, dass jeder von uns von Europa profitiert, inklusive Rechtswähler, die sich abgehängt und im Stich gelassen fühlen.

Europa ist nicht selbstverständlich, die freien Grenzen ebenfalls nicht. Ich kann mich noch an die langen Autoschlangen am Brenner und an der Grenze zu Frankreich erinnern, um den Reisepass zu zeigen. Heute kann man von Palermo bis nach Helsinki nur mit dem Personalausweis reisen. Wir können innerhalb der EU leben, wo wir wollen. In meiner Kindheit war es was Besonderes, einen Ausländer zu kennen. Jetzt haben die meisten meiner Freunde einen Migrationshintergrund, viele haben Großeltern aus 3 und 4 verschiedenen Ländern. Meine Kinder haben einen deutschen, einen italienischen und 2 von ihnen auch einen tschechischen Pass. Sie finden reisen innerhalb Europas normal.

Bei denen Europaskeptikern ist immer von einer nationalen Identität die Rede und davon, dass die EU angeblich einen Einheitsbrei möchte und die Leute ihre Kultur verlieren sollten. Wo gibt es denn bitte? Ich habe vor 18 Jahren Italien verlassen, und seit 18 Jahren lebe ich in Berlin. Mir ist nicht aufgefallen, dass die Deutschen in diesen 18 Jahren „weniger deutsch“ geworden sind. Was macht ohnehin das Deutschsein aus? Die Sprache?  Bier, Schwarzbrot und thüringische Bratwürste? Die schwarz-rot-goldene Fahne bei der WM? Günther Jauch und Helene Fischer? Erstens: Wer hat ein Interesse daran, diese Sachen zu verbieten? Zweitens: Jeder Mensch, der in Deutschland lebt, kann sich für diese Sachen begeistern (gut, vielleicht nicht für Helene Fischer). Ist das wirklich eine Bedrohung, wenn Menschen mit türkischem, spanischem, italienischem Pass, die hier leben, auch Bayern München und das Oktoberfest toll finden? Und was die Werte angeht: Demokratie, Toleranz, Freiheit sind die Pfeiler der EU. Das gilt hier genauso wie in Madrid oder in Wilnius.

Hier in Berlin leben 100 von Nationalitäten friedlich nebeneinander. Es gibt in meinem Viertel italienische, arabische, polnische, französische und spanische Restaurants, nur als Beispiel. Ich habe die Wahl. Ich kann aber auch in einem deutschen Restaurant Schnitzel essen, wenn mir danach ist. Die Wirtschaft kennt ebenfalls keine Grenzen mehr. Deutsche Firmen machen Geschäfte in der EU. Die Gewinne sichern viele Arbeitsplätze. Es kommen viele EU-Arbeiter nach Deutschland. Sie zahlen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Sie arbeiten in Pflegeheimen, Kindergärten, Ingenieurbüros und Arztpraxen. Sie gründen Startups und schaffen neue Jobs. Sie bringen auch das Land nach vorne. Ihre Kinder leben hier, besuchen deutsche Schulen und sprechen Deutsch. Wären sie nicht da, würde die Wirtschaft massiv leiden.

Es gibt sicherlich Probleme in der EU. In vielen Branchen sind die Löhne zu niedrig. Sie reichen nicht, um bei steigenden Mieten die Lebenshaltungskosten zu decken. EU-weit sind zu viele Menschen arbeitslos, weil die nationalen (!!) Regierungen es nicht hinbekommen, Unternehmen zu fördern. Bildung ist in vielen Ländern, zum Beispiel in meiner Heimat Italien, längst keine Garantie für eine Stelle, die angemessen bezahlt wird. Auf der anderen Seite streichen Konzerne Milliarden Gewinne ein, zahlen kaum Steuern und hintergehen die Länder, die ihre größten Absatzmärkte darstellen. Diese Probleme, und viele andere, warten auf eine Lösung.

Die Lösung sind aber nicht Rechtsparteien, die arme Ausländer dafür verantwortlich machen, dass Familie Müller ihre Miete nicht mehr zahlen kann und die Infrastruktur marode ist. Diese Parteien werden noch mehr die Interessen der Konzerne verteidigen und noch dazu Ausländer diskriminieren, die in den jeweiligen Ländern wohnen und ein Teil von ihnen sind. Und da Diskriminierung immer eine Gegenantwort erzeugt, wären soziale Unruhen vorprogrammiert.

Ich wünsche mir ein anderes Ergebnis für Sachen, Brandenburg und Frankreich. Ich wünsche mir, dass die Wähler von Rechtsparteien verstehen dass auch sie, in ihrem Dorf in Brandenburg oder in den Ardennen von der EU profitieren. Leider kann man Europa als Ganze nicht begreifen. Ich bin kreuz und quer durch die verschiedenen Länder gereist und bin immer wieder von der Schönheit der verschiedenen Landschaften, den Sprachen, den Traditionen und von der Herzlichkeit der Menschen begeistert. Meiner Meinung nach soll die EU jedem Bürger ein Interrailticket schenken, damit er dieses wunderbare Europa auch sieht und begreift. Meine Oma, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt hat, ist heute wählen gegangen. Mit 86. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen. „Wir dürfen Europa nicht verschenken“, sagte sie mir „Es sind zu viele Leute gestorben. Ihr Jungen begreift das nicht. Wir hätten nie so was zu träumen gewagt, dass alle in Frieden leben.“ Das sollten wir nie vergessen.

 

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Armut ist nicht immer sichtbar

Gesellschaft, Politik

Kurz vor der Europawahl werde ich politisch. Vielleicht weil ich gerade ein interessantes Buch über die immer mehr auseinanderklaffende Schere zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen in Westeuropa lese. Vielleicht, weil ich politische Debatten verfolge und mich ärgere wenn es heißt, in Deutschland hätten es alle gut.

Verglichen zu anderen Ländern sind wir tatsächlich ein reiches Land. Zumindest auf dem Papier muss niemand auf der Straße frieren oder hungern. Die Realität sieht doch ein wenig anders aus, denke ich immer, wenn ich durch Berlin spaziere und Obdachlose sehe, die in ihrem Schlafsack unter der Brücke liegen. Sicherlich handelt es sich oft auch um Menschen mit psychischen Problemen. Doch auch sie müssten in einem reichen Land nicht so enden. Laut einer Statistik der Wohlfahrtsverbände leben in Berlin 6.000 bis 10.000 Menschen auf der Straße, 37.000 Menschen leben in Notunterkünften, darunter auch viele Familien mit minderjährigen Kindern. Tendenz steigend. Ein Armutszeugnis für die deutsche Hauptstadt.

In den letzten zehn Jahren sind die Mieten in allen deutschen Großstädten explodiert, die Gehälter aber leider nicht. Die schwächsten Glieder der Gesellschaft bekommen das zu spüren. Das sind zum einen Alleinerziehende, die viel Platz für ihre Kinder brauchen, aber allein die Miete stemmen müssen. Ein Drittel von ihnen gelten bundesweit als armutsgefährdet. Das sind aber auch ältere Menschen mit kleinen Renten, die oft ein Leben lang gearbeitet oder Kinder großgezogen haben, und absurde Mieterhöhungen verkraften müssen. Und die 20 Prozent Arbeitnehmer, die als Niedriglöhner gelten.

Arm ist nicht nur, wer in der S-Bahn bettelt. Arm ist auch die vierköpfige Familie, die trotz zwei Vollzeitstellen weiter in einer 2-Zimmer-Wohnung lebt, weil alles anderes unbezahlbar ist. Arm ist der Rentner, der keine neue Waschmaschine kaufen kann, wenn die alte kaputtgeht. Arm ist die alleinerziehende Mutter die davor Angst, dass die Schuhe ihres Kindes zu eng werden, weil sie kein Geld für neue hat. Arm ist der Arbeitnehmer, der sich keinen Zahnersatz leisten kann, weil er trotz 40-Stunden-Woche keine 2.000 Euro auf der hohen Kante hat. Diesen Menschen sieht man oft nicht an, dass sie arm sind. Aber sie müssen verzichten oder sich verschulden, um sich Grundbedürfnisse zu erfüllen. Wir reden nicht von Urlaub, Vergnügen oder einem Auto. Wir reden von Kleidung, notwendigen Haushaltsgeräten und ärztlichen Leistungen.

Aus wirtschaftsliberalen Kreisen heißt es oft, solche Menschen seien selber Schuld, weil in Deutschland genug Arbeit vorhanden sei. Das ist aber falsch, da diese Menschen oft arbeiten oder gearbeitet haben. Nur können sie vielleicht nicht mehr Vollzeit oder überhaupt arbeiten, weil sie krank sind oder allein für kleine Kinder verantwortlich sind. Oder der Lohn reicht trotz Vollzeitstelle nicht, um alle Bedürfnisse zu decken, weil die Hälfte für die Miete ausgegeben wird. Und das soll gerecht sein? Ich habe persönlich das Glück, studiert zu haben und zumindest durchschnittlich zu verdienen. Es gibt aber nicht nur Akademiker. Es können nicht alle Beamte in höherem Dienst, Chefärzte oder erfolgreiche Rechtsanwälte sein. Die Gesellschaft braucht auch Pfleger, Erzieher, Kassierer und Friseure. Und auch diese Menschen müssen würdig leben können.

Die Annahme, dass höhere Sozialleistungen zwingend eine noch höhere Belastung der mittleren Einkommen bedeuten würde, ist ebenfalls falsch. Im internationalen Vergleich zahlen deutsche Arbeitnehmer tatsächlich im Schnitt viele Steuern und Sozialabgaben. Sie zu erhöhen wäre zumindest für mittlere Einkommen nicht der richtige Weg. Gleichzeitig besitzt der am Vermögen gemessene oberste Zehntel der Haushalte 60 Prozent des Gesamtvermögens, während das untere 30 Prozent nichts oder gar Schulden hat. Das sind die Menschen, die nichts sparen können, weil die Lebenshaltungskosten ihr ganzes Einkommen auffressen. Sie sind nicht zu dumm zum Sparen, wie oft suggeriert, es geht einfach nicht.

Wie wäre es damit, mal zur Abwechslung Vermögen zu besteuern? Wie wäre es mit einer höheren Besteuerung von Konzerngewinnen und Dividenden, und zwar EU-weit? Und wie wäre es mit einem höheren Mindestlohn, der verhindern würde, dass Menschen zu armen Arbeitnehmern und später armen Rentnern werden?

Letztendlich glauben viele irrtümlich, dass die Reichen nichts davon hätten, ihr Geld zu verteilen. Das stimmt aber nicht, und ein Blick in andere Länder zeigt es. Auch Reiche möchten sich frei bewegen, ohne abgestochen oder erschossen zu werden. Rutschen Menschen in die Armut und die Obdachlosigkeit, steigt aber die Kriminalität. Unternehmen möchten gut ausgebildete Fachkräfte. Arme Kinder haben jedoch ein viel höheres Risiko, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Viel Potential, das verloren geht. Und schließlich möchten alle die Kosten für die Gesellschaft so niedrig wie möglich halten. Gefängnisse, Polizisten, Einrichtungen für Drogenabhängige und Alkoholiker, sowie Sozialarbeiter kosten aber viel Geld. Das kann man vermeiden, indem jedes Kind von Anfang an die Chance hat, vom Wohlstand seines reichen Landes zu profitieren.

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Kopftücher und Miniröcke: lassen wir bitte jeder Frau die Freiheit!

Frauen, Gesellschaft

Ich wohne in Berlin-Wedding. Es ist hier nicht selten zu sehen, wie junge Mädchen mit Kopftuch neben ihren geschminkten Freundinnen mit engen Jeans laufen. Es gibt auch viele hybride Versionen, wie Leggings und Glitzerkopftuch, roter Lippenstift und Kopftuch, Adidas-Trainingsanzug und Kopftuch und so weiter.

Das Schrägste habe ich vor ein paar Wochen beobachtet: zwei Mädchen unterhielten sich auf Deutsch, hörten Musik und lachten laut auf der Straße. Eins trug ein T-Shirt und eine Caprihose, das andere einen Nikab und einen schwarzen Tschador. Es war zuerst unheimlich, diese schwarz verhüllte Gestalt mit Rucksack auf dem Rücken zu beobachten, die wie ein ganz normaler Teenager kicherte. Und ich kann mir vorstellen, dass sie mit ihren Vorlieben, Träumen usw. auch ein ganz normaler Teenager ist, zumindest scheint sie lebensfroh zu sein und Freunde zu haben. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie sich so verhüllt, aber es geht mich natürlich nichts an.

In Österreich wurde gerade ein Kopftuchverbot in Grundschulen beschlossen. Die Gründe kann ich zumindest auf dem Papier nachvollziehen: muslimische Mädchen sollten nicht in vorgefertigte Rollen gedrängt und vor der Unterwerfung befreit werden, die ihre Religion mit sich bringt. Nur: wollen sie wirklich befreit werden? Werden sie wirklich alle von der Familie gezwungen, das Kopftuch zu tragen?

Die Befürworter von Verboten sagen: Ja. Muslimische Mädchen wachsen schon mit diesem Modell auf, in dem die Frau sich verhüllen muss, um als ehrbar zu gelten. Sie bekommen von klein an eingetrichtert, dass es für eine Frau haram ist, in der Öffentlichkeit Haare, Beine und Arme zu zeigen. Und spüren einen großen Druck innerhalb ihrer Gemeinschaft, sich genauso zu verhalten, denn jedes Kind möchte von seiner Familie gelobt werden. Deswegen müssen wir Menschen, die säkular leben und uns die Gleichheit von Mann und Frau auf die Fahnen geschrieben haben, als Staat einschreiten und die Mädchen schützen.

Das klingt theoretisch vielleicht richtig, funktioniert aber nicht. Ich habe hier in Wedding und auch innerhalb meiner Arbeit mit Flüchtlingen viel mit muslimischen Familien zu tun gehabt. Auch ist mein Ex iranischer Abstammung. Ich kenne seine Familie und weiß, dass sie dieses Thema ganz anders sehen. Die Frauen sind sehr religiös und würden nicht auf die Idee kommen, das Kopftuch abzulegen. Gleichzeitig fühlen sie sich nicht bevormundet oder unterdrückt, sondern sehen das Bedecken ihrer Haare als Tradition und als Teil ihrer Beziehung zu Gott. Ob wir das richtig finden oder nicht, ist Nebensache. Wie kommt sich aber ein Mädchen vor, das in Deutschland aufwächst, sich zum Islam verbunden fühlt und gleichzeitig eine deutsche Schule besucht? Wenn wir ihr die Möglichkeit nehmen, das Kopftuch zu tragen, sagen wir ihr: Deine Kultur ist schlecht. Wir mögen sie nicht. Dieses Mädchen wird sich mehr und mehr abkapseln, in ihre Gemeinschaft zurückziehen und sich nie als volle Deutsche fühlen. Das ist das Gegenteil von Integration.

Ein Argument von Islamkritikern lautet: der in der Scharia festgelegte Kodex ist diskriminierend gegenüber Frauen. Er schreibt Frauen vor, sich zu verhüllen, während Männer sich so kleiden dürfen, wie sie wollen. Er verdammt die weibliche Sexualität, zumindest außerhalb der Ehe, und reduziert unverhüllte Frauen zu unmoralischen Verführerinnen und Männer zu willenlosen Wesen, die ihnen nicht widerstehen können.

Nun: das stimmt aus unserer Sicht. Das war in der christlichen Religion, besonders in katholischen Ländern, bis vor 50-60 Jahren aber auch der Fall. Dann kam mit den 68ern die sexuelle Befreiung. Seitdem dürfen wir Frauen Miniröcke tragen, so viele Partner wechseln wie wir wollen und unsere Reize zeigen, ohne als unmoralisch oder schlecht zu gelten. Zumindest meistens. Und das ist ganz toll. In traditionellen, islamischen Gemeinschaften ist das nicht der Fall. Es wäre aus unserer Sicht für den Islam gut, wenn eine Diskussion in diesem Sinne und eine Befreiung von den festen Rollen der patriarchalischen Gesellschaft stattfänden. Aber eben nur aus unserer Sicht. Wir müssen jedoch akzeptieren, dass es Frauen und Mädchen gibt, die den „alten“ Modellen folgen wollen. Sie wollen uns nicht dazu zwingen, ihnen gleichzutun, wie einige Menschen behaupten. Sie wollen nur mit ihrer Entscheidung in Ruhe gelassen werden.

Es ist unmöglich pauschal zu sagen, warum ein Mädchen sich mit 10 oder 11 Jahren verhüllen möchte. Vielleicht möchte es sich erwachsen fühlen, wie seine Mama und seine große Schwester sein. Vielleicht findet es das Kopftuch schön. Vielleicht wird es es später ablegen. Vielleicht wird es es ihr Leben lang tragen. Vielleicht wird die junge Frau Maschinenbau studieren und Ingenieurin werden, und das soll sie auch mit Kopftuch dürfen. Vielleicht wird sie mit 20 heiraten und nur Mutter sein wollen, und das ist auch okay. Vielleicht spürt sie den Druck der Familie, ein Kopftuch zu tragen. Wenn es so ist, sollten wir ihr Wege zeigen, sich davon zu befreien. Aber wir sollten ihr vermitteln, dass sie auch mit ihrem Kopftuch in der Schule willkommen ist.

 

© Bild: Alfred Dielmann / Pixabay

Ich trage was ich will, auch wenn ich nicht wie Heidi Klum aussehe

Frauen, Gesellschaft

Als mein zweites Kind zwei Monate alt war, gingen wir am Ostersonntag Essen. Meine Mutter, die gerade aus Italien zu Besuch war, kritisierte meine Kleidungsauswahl. „Muss es sein, dass du bei deinen dicken Beinen so einen kurzen Rock anziehst?“ Ich war zuerst sprachlos, dann entschied ich mich für eine lange, weite Hose, konnte aber weder das Essen noch den Tag genießen. Ein paar Wochen später zog ich an einem warmen Frühlingstag ein ärmelloses T-Shirt und Shorts an. Eine Freundin von mir, die vorbeigekommen war, um das Baby zu sehen, sagte plötzlich aus dem Nichts heraus „Hattest du auch beim ersten Kind so viel zugenommen? Ich kann mich nicht erinnern, dass du so dicke Arme hattest.“ Diesmal war ich den Tränen war, hielt mich aber zurück, weil andere Leute anwesend waren.

Ich muss dazu sagen, dass ich während meiner zweiten Schwangerschaft 25 kg zugenommen habe und nach der Geburt immer noch 72 kg wog. Glücklicherweise konnte ich in den folgenden sechs Monaten dank Vollstillen und Weight Watchers zu meinem normalen Gewicht zurückkehren, wofür alle mich bewunderten. Und ab dann konnte ich wieder Shorts, einen Bikini oder eine enge Jeans tragen, ohne komisch angeschaut zu werden. Im Nachhinein ärgere ich mich jedoch, dass ich damals nicht mehr Mut gehabt habe, den Menschen, die mich kritisierten, meine Meinung kundzutun.

Denn eigentlich, und nicht nur eigentlich, ist Kleidung Geschmackssache. Wenn jemand Kleidungsgröße 44 trägt und trotzdem in Hot Pants und mit unrasierten Beinen rumlaufen möchte, ist das seine Sache. Wenn eine Frau ein kurzes Kleid anzieht und Krampfadern oder geschwollene Beine hat, ist das vollkommen okay, solange sie sich wohl fühlt. Narben, Besenreiser, Schwangerschaftsstreifen gehören zum Leben, und mit zunehmendem Alter sind sie fast unvermeidlich. Auch schreibt kein Gesetz vor, dass sich nur Models mit Leggings oder einem V-Ausschnitt zeigen dürfen. Dennoch neigen vor allem wir Frauen dazu, diesbezüglich extrem fies zueinander zu sein. Daran hat mich ein toller Artikel auf ZEIT Online erinnert, wo die Autorin die ehemalige Vogue-Chefredakteurin Alexandra Shulman zitiert, die die 50-jährige Model Helena Christensen dafür kritisiert hat, in ihrem Alter eine Spitzenkorsage auf einer Party getragen zu haben.

Vielleicht bin ich so empfindlich, weil ich als Teenager unter der Oberflächlichkeit dieser Schönheitsideale sehr zu leiden hatte. Ich bin nie groß gewesen, und ab 11 ging ich eher in die Breite als in die Höhe. In meiner Klasse hatte sich eine fiese Mädchenclique gebildet, die ohne Zweifel bestimmte, was in und was out war. Die zwei, die den Ton angaben, waren natürlich spindeldürr und trugen oft, wie es in den 90ern üblich war, bauchfreie und knallenge Tops. Als ich mich einmal traute, auch ein kurzes T-Shirt anzuziehen, wurde ich regelrecht verbal gesteinigt. Natürlich sagten sie mir das nicht ins Gesicht, aber die verdrehten Augen und die geflüsterten Kommentare nahmen mir mein Selbstbewusstsein. Seitdem trug ich nur weite Oberteile und schwarze Hosen. Ich vermied Partys und hatte bis zum Abitur nie einen Freund. Das Gefühl, hässlich zu sein und mich unter XXL-Shirts verstecken zu müssen, blieb während der ganzen Schuljahre. In meiner späten Pubertät, da wohnte ich schon in Berlin, habe ich dank wenig Geld (=weniger Essen) und viele durchgetanzte Nächte deutlich abgenommen. Während eines Besuchs bei meiner Eltern in den Weihnachtsferien traf ich in einer Kneipe genau die Hühner, die mich damals so fertiggemacht hatten. Die ersten Worten waren natürlich „Wow, siehst du toll aus! Du bist so dünn!“ Ich dachte schon damals, mit knapp 20, dass sie sehr dumm sein mussten, um den Wert eines Menschen daran zu messen, ob er dünn oder dick war.

Ich bin 36 und meine Figur ist mit 64 kg bei 1,60 m nach drei Schwangerschaften völlig okay, denke ich. Trotzdem kann ich mich nicht mit Heidi Klum oder Bella Hadid vergleichen. Ich ziehe dennoch nach wie vor gerne ärmellose Kleider mit V-Ausschnitt im Sommer, Bikinis am Strand und enge Hosen an, wenn ich Bock darauf habe. Auch trage ich meine Haare lang. Ich denke nicht, dass sich das ändern wird, wenn ich 40 oder 50 bin. Meine Mutter behauptet schon immer, dass Frauen ab 50 mit langen Haaren lächerlich sind. „Hinten Gymnasium und vorne Altersheim“, sagt sie immer. Ähnliche Sätze habe ich bezüglich Hosen, Schminke, Kleider usw. gehört. Sei es, weil eine Frau übergewichtig ist, sei es, weil sie die Wechseljahre vermutlich hinter sich hat. Davon abgesehen, dass ich manche Frauen auch mit 50 und 60 schön finde (und andere mit 20 nichtssagend), verstehe ich nicht, wie man zu den eigenen Geschlechtsgenossinen so missgönnerisch sein kann. Steckt in so einer Behauptung Neid oder die Wut darüber, nicht mehr 20 zu sein? Fühlt man sich dadurch besser, wenn man andere runtermacht? Warum lästern Männer so viel seltener über die Kleidung und die Figur ihrer Kumpels? Warum wundern wir uns darüber, dass so viele junge Mädchen unter Bulimie und Magersucht leiden, und legen gleichzeitig solche starre Schönheitsideale fest? Die bezüglich eines Erfolgs in der Liebe übrigens nichts zu bedeuten haben, denn es gibt jede Menge übergewichtige Frauen in glücklichen Beziehungen, und genauso jede Menge ungewollte Singles, die wie Top-Model aussehen.

Vielleicht sollten wir die anderen tragen lassen, was sie wollen. Auch wenn sie Falten, Bäuche, Hängebrüste und dicke Beine haben. Wenn wir uns durch ihre Erscheinung beleidigt fühlen ist es nämlich nicht ihr Problem, es ist unser.

 

Ich bin nicht Aschenputtel oder..warum meine Wohnung selten glänzt

Frauen, Gesellschaft

Einer der beliebtesten Kritikpunkte bei Müttern, wenn sie andere Mütter angreifen wollen, betrifft die Sauberkeit der Wohnung. Ich habe tatsächlich nie gehört, dass Väter über andere Väter lästern, weil es bei ihnen zu Hause angeblich dreckig sei. Aber oft Frauen, die Freundinnen, Bekannte und sogar ihre eigenen Schwestern verurteilen, weil „bei ihr zu Hause sieht es aus“ oder „es ist zwar auf dem ersten Blick sauber aus, aber in der Ecken ist überall Dreck“. Eine weitere, dezentere Kritik durch die Blume ist, wenn man Besuch hat und die Freundin statt sich hinzusetzen anfängt, Geschirr abzuwaschen oder aufzuräumen, obwohl man gesagt hat, sie sollte es lassen.

Ich mag gegenüber solchen Anmerkungen empfindlich sein, weil ich während meiner Kindheit diesen Satz „Wie kann man in so einer Wohnung leben“ sehr oft gehört habe. Meine Oma, die Mutter meiner Mutter, ist eine ganz liebe Hausfrau nach alter Art, die sofort Teller und Gläser abräumt und abspült, wenn man mit dem Essen fertig ist, unmittelbar nach dem Aufstehen die Betten macht und nie einen Pullover oder eine Hose auf einem Stuhl liegen lassen würde. Bis jetzt, sie ist 87, putzt sie allein und täglich das Bad, auch wenn sie große Schmerzen an den Händen hat. Meine Mutter, ihre Tochter, ist ganz anders. Um es klar zu stellen: Bei uns zu Hause gab es nie Maden oder Müllberge. Aber durchaus zerstreute Socken, Hosen auf dem Boden im Bad und Teller in der Spüle (wir hatten nie eine Spülmaschine weil Mama meinte, sie würde zu viel Wasser verbrauchen). Und es konnte durchaus passieren, dass in einem Küchenschrank alles in sich zusammenfiel, wenn man eine Packung Kekse rausholte, weil alles irgendwie aufeinandergestapelt war. Meine Oma schlug immer die  Hände über den Kopf, wenn sie uns besuchte, und schämte sich dass ihre Tochter, die bei ihr aufgewachsen war, in so einem Chaos lebte.

Mich persönlich hat es nie gestört, dass Bücher und Hefte auf dem Wohnzimmertisch lagen oder dass ein paar benutzte Gläser rumstanden. Meine Mama war darüber hinaus Alleinerziehende, und hat Vollzeit als Lehrerin gearbeitet. Als ich älter wurde, verstand ich, dass sie nach einem Tag in der Schule das Bedürfnis hatte, mit einer Zeitschrift auf der Couch durchzuatmen. Sie hat gekocht und Wäsche gewaschen, damit wir Kinder essen und saubere Kleidung hatten. Alles anderes, was nicht fürs Tagesgeschäft notwendig war, hat sie erledigt, wenn sie Lust darauf hatte. „Ich habe die Teller nicht auf dem Kopf“, sagte sie immer, als meine Oma sie fragte, wie man ruhig schlafen konnte, obwohl die Spüle voll war.

Als Erwachsene  erkenne mich in dieser Hinsicht bei ihr wieder. Ich habe zwar eine Spülmaschine, somit liegt kein Geschirr herum. Mir tut es aber nicht weh, wenn die Betten nicht gemacht sind. Und gerade mein fast Zweijähriger streut gerne Blätter, Autos, Kuscheltiere, Hefte und sonstiges durch das Wohnzimmer. Ich habe nicht immer Lust, bis zu zehn Mal am Tag alles wieder in die Kisten zu packen, damit er nach ein paar Minuten wieder alles auskippt. Ganz oben auf den Hängeschränken in der Küche habe ich ewig nicht gewischt, und meine Fenster haben lange keinen Lappen gesehen. Manchmal liegt die saubere Wäsche in einem Haufen auf der Couch, weil ich keine Zeit habe, sie zu falten. Die Jungs nehmen sich direkt ihre Unterhosen, Socken und T-Shirts, wenn sie brauchen. Bügeln habe ich vor vielen Jahren abgeschafft. Ich koche fast jeden Tag frisch, wasche mindestens zwei Maschinen und sauge und wische jeden Tag die Küche. Auch wird der Müll täglich entsorgt. Die Bäder sind einmal pro Woche zirka dran, alles anderes nach Bedarf.

Letztes Jahr war ich mit Baby zum Frühstück bei einer Freundin eingeladen, die ebenfalls ein Baby und dazu noch ein kleines Kind hatte. Ich fand es sehr erfrischend und befreiend wie sie mich und eine andere Mutter reinließ, ins Wohnzimmer führte, wo überall Spielzeug auf dem Boden lag und sagte „Ich schaffe es nicht, den Haushalt zu machen.“ Es war keine Entschuldigung, sondern eine Feststellung. So geht es mir oft. Ich bin allein mit drei Kindern zwischen 12 und 2. Nur den Alltag zu meistern frisst enorm viel Zeit, dazu meine Arbeit. Wenn ich die Jüngeren von der Kita abhole, gehen wir im Sommer immer zum Spielplatz. Im Winter spielen wir Gesellschaftsspiele, backen Kekse oder schauen uns Bücher an. Die Stunden, nachdem die  Kinder gegen 21 Uhr eingeschlafen sind, bis ich ins Bett gehe (meist gegen Mitternacht), gehören nur mir. Ich lese , telefoniere, bade, surfe im Internet oder schaue mir Serien auf Netflix an. Ja, ich bin zu faul, um abends noch Böden zu wischen oder Wäsche zu falten.

Der Punkt ist: mein Tag hat nur 24 Stunden. Auch am Wochenende gehe ich lieber mit den Jungs in den Park, oder treffe Freunde, als Schränke zu wischen. Ich denke, dass meine Kinder sich später eher daran erinnern werden, dass sie mit ihrer Mama Ball gespielt haben und im Freibad waren, als dass zu Hause keine Krümel auf dem Boden waren. Sie haben sich nie beschwert, dass es nicht ordentlich genug ist. Aber schon darüber, dass ich zu wenig Zeit für sie hatte, um Risiko oder Monopoly zu spielen. Wenn sie erwachsen sind, werde ich viel Zeit haben, meine Wohnung auf Hochglanz zu polieren. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich spannendere Hobbys finden werde und es immer noch hier und da Krümel auf dem Boden geben wird.

Wir Frauen machen uns allzu oft gegenseitig fertig. Vielleicht, weil wir es so gelernt haben. Vielleicht, weil wir Angst haben, selber als schlampig zu gelten, wenn wir mit unseren Kindern spielen oder einen spannenden Roman lesen, statt zu putzen. Sicherlich hat jede von uns ein anderes Empfinden. Wo sich einige nie wohlfühlen würden, können andere wunderbar leben. Aber vieles hängt, denke ich, auch mit der Erziehung zusammen. Ich finde diesen Artikel zum Thema interessant, der treffend beschreibt, wie Mädchen seit der Kindheit ermutigt werden, zu putzen und aufzuräumen, als ob das naturgegeben wäre, dass Frauen das Haus sauber halten, und dass sie es später auch als ihre Verantwortung begreifen, während bei Jungs großzügig darüber hinweggesehen wird, wenn das Zimmer wie eine Müllhalde aussieht.  Ich habe für mich entschieden, dass ich Kommentare bezüglich meiner Wohnung ignorieren werde. Denn für mich gibt es echt Wichtigeres.

 

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